Weniger kaufen, mehr erleben?

Warum verbinden wir Freude so oft mit Kaufen? Ein Gastartikel über hedonische Anpassung, gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen, die keinen Kassenbon brauchen.

Warum gemeinsame Zeit manchmal wertvoller ist als das nächste Geschenk

Geburtstag. Weihnachten. Ein gutes Zeugnis. Oder einfach eine kleine Belohnung zwischendurch. Wenn wir einem Menschen eine Freude machen wollen, denken wir erstaunlich schnell daran, etwas zu kaufen. Bei Kindern ist das nicht anders. Vielleicht sogar noch ausgeprägter.

Wir überlegen, welches Spielzeug gerade angesagt ist, welches Buch noch fehlt oder womit wir diesen einen besonderen Wunsch erfüllen können. Und natürlich ist daran erst einmal überhaupt nichts falsch. Ein Geschenk kann überraschen, begeistern und manchmal über Jahre hinweg wichtig bleiben.

Interessant wird es an einer anderen Stelle: Warum verbinden wir Freude eigentlich so selbstverständlich mit etwas Neuem? Warum bedeutet „Ich möchte dir etwas Gutes tun“ so häufig auch „Ich kaufe dir etwas“?

Diese Verbindung ist längst Teil unseres Alltags geworden. Zum Geburtstag gibt es Geschenke, zu Weihnachten sowieso. Für eine gute Leistung gibt es eine Belohnung, vom Ausflug bringen wir etwas mit und manchmal landet beim Einkaufen noch eine Kleinigkeit im Wagen, einfach weil sie Freude machen soll.

Vieles davon geschieht beinahe automatisch. Vielleicht lohnt es sich deshalb, diese Selbstverständlichkeit hin und wieder zu hinterfragen. Nicht mit dem Ziel, nichts mehr zu kaufen, sondern mit einer viel einfacheren Frage: Muss eigentlich immer etwas Neues hinzukommen, damit sich ein Moment besonders anfühlt?

Die kurze Karriere eines neuen Lieblingsstücks

Fast jeder kennt dieses Phänomen. Ein Kind wünscht sich etwas unbedingt. Wochenlang wird davon gesprochen, vielleicht sogar darauf hingefiebert. Dann ist der Geburtstag da, das Geschenk wird ausgepackt und für einen Moment scheint es kaum etwas Wichtigeres auf der Welt zu geben. Das neue Spielzeug muss überallhin mit, wird anderen gezeigt und bekommt möglicherweise sogar einen Ehrenplatz neben dem Bett.

Und einige Wochen später liegt es vielleicht zwischen all den anderen Sachen. Das bedeutet nicht, dass der Wunsch vorher nicht echt gewesen wäre. Auch die Freude war echt.

Wir Menschen besitzen nur eine erstaunliche Fähigkeit: Wir gewöhnen uns an Dinge. Was zunächst neu und aufregend erscheint, wird mit der Zeit normal. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang unter anderem von hedonischer Anpassung. Vereinfacht gesagt passen wir uns an viele positive Veränderungen in unserem Leben schneller an, als wir vorher vermuten.

Das betrifft keineswegs nur Kinder. Das neue Smartphone, auf das wir wochenlang gewartet haben, ist irgendwann einfach unser Smartphone. Die Schuhe, die wir unbedingt haben wollten, stehen irgendwann neben den anderen im Schrank. Das Neue verliert einen Teil seines Zaubers, weil es nicht mehr neu ist.

Das macht materielle Dinge nicht wertlos. Ein Lieblingsspielzeug kann ein Kind jahrelang begleiten, ein Fahrrad Freiheit bedeuten und ein Buch eine ganze Welt eröffnen. Interessant wird es dort, wo wir versuchen, das nachlassende Gefühl immer wieder mit dem nächsten neuen Gegenstand zurückzuholen.

Warum wir trotzdem immer wieder nach dem Nächsten suchen

Wenn die Freude über Neues häufig nachlässt, warum wünschen und kaufen wir dann trotzdem immer weiter? Ein Grund liegt darin, dass nicht erst der Besitz Freude machen kann. Schon die Erwartung darauf kann sich gut anfühlen.

Wer einmal wochenlang auf ein Paket, einen Urlaub oder eine größere Anschaffung gewartet hat, kennt dieses Gefühl. Wir beschäftigen uns damit, stellen es uns vor und freuen uns darauf. Manchmal ist diese Phase sogar spannender als der Moment, in dem wir das Gewünschte schließlich besitzen.

Hinzu kommt eine Umgebung, die permanent neue Wünsche anbietet. Werbung zeigt uns nicht nur Produkte. Sie zeigt uns, wie wir uns mit diesen Produkten fühlen könnten: glücklicher, schöner, erfolgreicher, entspannter oder einfach ein bisschen zufriedener.

Dazu kommen Freunde, Trends, soziale Medien und der Vergleich mit anderen. Was gestern noch vollkommen ausreichend war, kann sich plötzlich unvollständig anfühlen, sobald wir sehen, was jemand anderes besitzt.

Das ist vielleicht einer der interessantesten Aspekte unseres Konsums: Nicht jeder Wunsch entsteht, weil uns tatsächlich etwas fehlt. Manchmal entsteht erst der Wunsch – und danach das Gefühl, dass uns etwas fehlt. Zwischen „Ich möchte das haben“ und „Ich brauche das“ liegt schließlich ein ziemlich großer Unterschied – und ehrlich gesagt fällt es auch uns Erwachsenen nicht immer leicht, ihn zu erkennen.

Was bei gemeinsamen Erlebnissen anders ist

Ein Erlebnis funktioniert auf eine andere Weise. Wir können es nicht ins Regal stellen oder in eine Schublade legen. Wenn ein gemeinsamer Tag vorbei ist, ist er tatsächlich vorbei. Und trotzdem kann er erstaunlich lange bleiben.

Schon die Vorfreude kann Teil davon sein. Eine Familie plant etwas gemeinsam, die Kinder überlegen, was sie mitnehmen möchten, und vielleicht wird schon Tage vorher darüber gesprochen. Dann kommt das Erlebnis selbst. Und anschließend entsteht etwas, das sich nicht ins Regal stellen lässt: eine gemeinsame Erinnerung.

Das müssen keineswegs große Urlaube oder teure Unternehmungen sein. Ein Ausflug mit dem Fahrrad kann dazugehören. Ein Nachmittag am See. Zelten im Garten. Zusammen kochen. Eine Nachtwanderung. Ein Spieleabend, der viel länger dauert als geplant. Oder ein Tag, an dem ein Familienmitglied entscheiden darf, was alle gemeinsam unternehmen.

Entscheidend ist nicht unbedingt, wie außergewöhnlich ein Erlebnis ist oder wie viel es kostet. Gerade im Familienalltag entstehen Erinnerungen häufig aus Situationen, die sich in diesem Moment gar nicht besonders spektakulär anfühlen.

Bei einem Gegenstand steht zunächst häufig das Neue im Mittelpunkt. Bei einem gemeinsamen Erlebnis sind es die Menschen, mit denen wir es teilen.

Erinnerungen brauchen keinen Kassenbon

Allerdings wäre es zu einfach, aus „weniger kaufen“ einfach „mehr erleben“ zu machen. Denn auch Erlebnisse sind längst ein Geschäft. Fernreisen, Freizeitparks, Konzerte, Erlebnisgutscheine oder Wochenendtrips können wunderschön sein – kosten aber ebenfalls Geld.

Wer das zehnte Spielzeug lediglich durch den nächsten teuren Ausflug ersetzt, konsumiert am Ende möglicherweise nur auf eine andere Art. Deshalb führt die spannendere Frage noch einen Schritt weiter: Welche gemeinsamen Momente würden wir schaffen, wenn sie gar nicht viel kosten dürften?

Vielleicht verändert sich dann unser Blick darauf, was ein Erlebnis überhaupt sein muss. Kinder brauchen nicht jedes Wochenende ein ausgefeiltes Programm. Gemeinsame Zeit muss nicht ständig außergewöhnlich sein, um wertvoll zu werden.

Das Abendessen kann zum Picknick auf dem Wohnzimmerboden werden. Jeder darf einmal einen Familiennachmittag planen. Das Handy bleibt für ein paar Stunden weg. Man fährt irgendwohin, wo man noch nie war, obwohl es nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Es klingt unspektakulär. Vielleicht ist genau das der Punkt. Denn sobald auch gemeinsame Zeit ständig größer, aufregender und teurer werden muss, landen wir wieder bei demselben Prinzip: Das Nächste muss das Vorherige übertreffen.

Dinge gegen Erlebnisse auszuspielen wäre zu einfach

Natürlich brauchen Kinder Dinge. Und manche davon werden weit mehr als bloßer Besitz. Ein Fahrrad ist zunächst ein Gegenstand und kann gleichzeitig jahrelang gemeinsame Touren ermöglichen. Ein Fußball kostet Geld, aber vielleicht entstehen daraus unzählige Nachmittage mit Freunden. Bücher stehen im Regal und können Geschichten hinterlassen, an die sich ein Mensch Jahrzehnte später erinnert. Ein Musikinstrument oder ein Brettspiel können gemeinsame Zeit überhaupt erst ermöglichen.

Umgekehrt wird auch nicht jedes Erlebnis automatisch zu einer wertvollen Erinnerung. Ein teuer bezahlter Ausflug kann für ein Kind vollkommen nebensächlich sein, während ein verregneter Nachmittag zu Hause Jahre später noch zur Familiengeschichte gehört.

Deshalb halte ich wenig davon, Besitz und Erlebnisse gegeneinander auszuspielen. Die interessantere Frage lautet nicht: Was ist besser – Dinge oder Erlebnisse? Sie lautet: Was bereichert unser Leben tatsächlich – und was kommt lediglich hinzu?

Darauf gibt es keine allgemeingültige Antwort. Jede Familie lebt anders, und natürlich darf man sich auch einfach über etwas Neues freuen, ohne daraus gleich eine Grundsatzfrage über Konsum machen zu müssen. Aber vielleicht tut es gut, diese Frage wenigstens manchmal zu stellen.

Vor dem nächsten Kauf eine andere Frage stellen

Wenn der nächste Geburtstag näher rückt oder Weihnachten vor der Tür steht, wird die erste Frage wahrscheinlich weiterhin lauten: „Was schenken wir?“ Daran muss sich auch nichts ändern. Vielleicht könnte daneben aber eine zweite Frage stehen: „Was könnten wir miteinander erleben?“

Beides muss sich nicht ausschließen. Es kann ein Geschenk geben und gemeinsame Zeit.

Vielleicht entsteht daraus sogar eine neue Familientradition. Ein Kind darf sich einen gemeinsamen Tag wünschen. Großeltern schenken einen Ausflug statt des nächsten Spielzeugs. Oder eine Familie entscheidet sich bewusst dafür, zu bestimmten Anlässen weniger Dinge und dafür mehr gemeinsame Zeit zu verschenken.

Dabei geht es nicht darum, anderen Familien vorzuschreiben, wie viel sie kaufen oder schenken sollten. Es geht vielmehr darum, eine Verbindung gelegentlich zu unterbrechen, die in unserem Alltag sehr selbstverständlich geworden ist: Freude gleich Kaufen.

Denn möglicherweise ist das Wertvollste, das wir einem anderen Menschen schenken können, manchmal tatsächlich nichts, was anschließend irgendwo herumsteht.

Was am Ende wirklich bleibt

Wir leben in einer Welt, in der uns ständig neue Möglichkeiten angeboten werden, unser Leben schöner, bequemer oder aufregender zu machen. Vieles davon kann tatsächlich Freude bereiten. Es wäre genauso falsch, Konsum grundsätzlich abzuwerten, wie zu glauben, der nächste Kauf würde uns dauerhaft zufriedener machen.

Ein gutes Familienleben besteht vermutlich ohnehin nicht aus einer Entscheidung zwischen Besitz und Erlebnissen. Es entsteht irgendwo dazwischen: aus Dingen, die uns wirklich etwas bedeuten, aus gemeinsam verbrachter Zeit, aus Ritualen, kleinen Geschichten und diesen manchmal völlig unscheinbaren Momenten, über die Jahre später plötzlich wieder gesprochen wird.

Vielleicht sollten wir deshalb nicht nur fragen, was wir unseren Kindern noch geben können. Sondern hin und wieder auch, woran sie sich eines Tages erinnern sollen.

GastautorJasper Cole ist Autor und schreibt über Ernährung, Konsum und Psychologie – und darüber, wie äußere Einflüsse unsere alltäglichen Entscheidungen prägen. In seinen Texten hinterfragt er Gewohnheiten und vermeintliche Selbstverständlichkeiten. Mehr von ihm: jc-unplugged.com